Gastbeitrag zum “buten un binnen”-Bericht “Die mysteriöse Vergangenheit von Werders Ex-Präsident Ries” vom 21. Juli 2020

Bei Radio Bremen erschien am 21. Juli 2020 im Magazin “buten un binnen” ein Bericht über den ehemaligen Werder-Präsidenten Alfred Ries unter dem Titel “Die mysteriöse Vergangenheit von Werders Ex-Präsident Ries”. Zu diesem Beitrag veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Gastbeitrag von Lukas Bracht, Thomas Hafke, Dirk Harms, Carina Knapp-Kluge und Dr. Marcus Meyer sowie unseres Fanclub-Mitglieds Fabian Ettrich, in dem die Autoren, die aktuell für ein Buchprojekt verschiedene jüdische Werder-Biograhien bearbeiten und teilweise schon an der Broschüre des Fanprojektes Bremen über Alfred Ries mitgewirkt haben, den Bericht und die “neuen” Quellen kritisch einordnen.

“In der Sendung „buten un binnen“ vom 21. Juli 2020 erschien ein kritischer Bericht über die Vita von Alfred Ries. Obwohl die in dem Beitrag genannten Informationen ganz überwiegend den Tatsachen entsprechen, bleibt doch – auch durch Auslassungen (s.u.) begünstigt – eine gewisse Tendenz haften, nämlich die, dass an den alten Vorwürfen gegenüber Alfred Ries, er sei möglicherweise in Jugoslawien als Spion für die Nationalsozialisten tätig gewesen, die bereits im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens durch die damaligen Sachbearbeiter der Polizei (teilweise waren diese früher als Judenreferenten für die Gestapo tätig, wie etwa Bruno Nette oder Friedrich Linnemann) geäußert wurden, etwas dran sei.

Wir kommen zu dem Schluss: Nach der bisherigen Kenntnislage aller Unterlagen über Alfred Ries ist eine Spionagetätigkeit aufgrund der ausgestellten Gewerbelegitimationskarten über die Abwehrstellen Bremen bzw. Roland bei der Gestapo theoretisch denkbar, allerdings in keiner Weise belegt. Das ändert sich auch mit der „neuen“ Quelle aus dem britischen Militärarchiv nicht, die unserer Gruppe seit einigen Monaten vorliegt und die wir bei der Erstellung eines der beiden neuen Beiträge über Alfred Ries auch aktuell einfließen lassen. Zur Einordnung des ausgestrahlten Beitrags lassen Sie uns kurz folgende Punkte benennen, die wir für wichtig halten:  

  • Das Grab von Alfred Ries ist keineswegs vergessen. 2017 wurde dort zu seinem 50. Todestag von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde im Beisein von Fans und Vertretern aus der Politik eine Gedenkzeremonie abgehalten. Außerdem wurde inzwischen eine Gedenktafel an der Friedhofsmauer hinter dem Grab angebracht, die inzwischen auf einer Stele neben dem Grab platziert wurde.  
  • Niemand ist im Besitz einer absoluten Wahrheit darüber, wie sich die Zeit von Alfred Ries in Jugoslawien konkret gestaltet hat. Wir haben Aussagen, Indizien und Hinweise über diese Zeit. Wir versuchen die verschiedenen, teilweise widersprüchlichen, Versionen in den Quellen gegenüberzustellen und auf Plausibilität zu prüfen. Dadurch erhalten wir zwar ein nicht ganz stimmiges, aber zumindest denkbares Bild der Jahre 1935-1946. Dieses beinhaltet auch die finanziellen Zuwendungen durch die jüdische Gemeinde in Zagreb an Ries und den Schutz von Juden durch den katholischen Kardinal Stepinac.  
  • Die Ausstellung der genannten Gewerbelegitimationskarten ist nicht neu. Diese Dokumente finden sich bereits im Bestand bzw. benannt in der Wiedergutmachungsakte von Alfred Ries im Bremer Staatsarchiv und wurden bereits mehrfach in verschiedenen Publikationen genannt, so unter anderem in der Broschüre des Fanprojekts Bremen.
  • Die im Beitrag genannte Person Walter Frischmuth wurde bereits in der Wiedergutmachungsakte Alfred Ries vom Sachbearbeiter mit der Anmerkung beschrieben, dass dieser möglicherweise für das Amt Ausland/Abwehr in Bremen arbeite. In der Tat stellen die Akten aus dem britischen Militärarchiv in dieser Frage Klarheit her: Walter Frischmuth (Aliasnamen u.a. Walter Steffens und Walter Freymuth) hat für die Abwehrstelle Bremen bzw. Abwehrstelle Roland in Bremen gearbeitet. Er war allerdings in erster Linie zuständig für die Kontrolle des Funkverkehrs im Atlantik. Eine Verbindung zu Ries taucht in den britischen Archiven nicht auf.
  • Alfred Ries wird in den Dokumenten des britischen Militärarchivs nicht einmal genannt, gleichwohl dort Mitarbeiter und V-Leute namentlich erwähnt sind.
  • Eine für uns viel relevantere Rolle als Walter Frischmuth, der wegen der Befreiung von Ries aus dem Gefängnis in Jugoslawien, in der Tat auch seine Bedeutung hat, ist Dr. Alfred Lörner. Dieser hat Anfang der 1930er Jahre die Außenhandelsstelle des Auswärtigen Amtes in Bremen geleitet. Also jene Stelle, die Alfred Ries nach dem Krieg wieder aufbaute. Lörner war damit Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und ebenfalls für das Amt Ausland/Abwehr tätig, zeitweise als Leiter am Standort Bremen. Eben dieser Lörner war gemeinsam mit Alfred Ries gesellschaftlich und beruflich seit spätestens Mitte der 1920er Jahre verbunden. Vor Ausstellung der ersten Gewerbelegitimationskarte kannten sich die beiden also schon mindestens zehn Jahre. Insofern liegt eine persönliche Gefälligkeit näher als eine Erpressung zu Spionagezwecken durch eine anonyme Organisation wie das Amt Ausland/Abwehr. Genauere Ausführungen zu dieser Verbindung tragen wir gerade für den genannten Beitrag zu Ries zusammen.
  • Pauschale Aussagen über das Amt Ausland/Abwehr sind sehr schwierig zu treffen. In der Tat handelt es sich um eine von mehreren Geheimdienstorganisationen der Nationalsozialisten und damit um einen Teil des NS-Machtapparates. Andererseits war das Amt auch ein Ort, an dem es Widerspruch, Widerstand und Raum für Mitmenschlichkeit gab. Mehrere Fälle von gefälschten Ausweispapieren für Juden oder sogar Geld für deren Unterstützung aus humanitären Zwecken sind dokumentiert. Ein Beispiel für ein solches Vorgehen ist das Unternehmen Sieben, auch Operation U-7 genannt. Zumindest die Abwehrstelle Roland stand mit erhöhtem Freiraum in ihrem Wirken direkt unter dem Berliner Kommando der Organisation von Admiral Canaris. Ein entsprechendes Wirken in Bremen erscheint damit nicht völlig unplausibel. Auch wurden vereinzelt unter Zwang Juden als V-Leute beim Amt Ausland/Abwehr geführt.
  • Die Verfolgungsgeschichte der Familie Ries mit der Auswanderung der beiden Brüder und dem Tod der Eltern in Theresienstadt, an dem zumindest der Belastungszeuge gegenüber Alfred Ries im Wiedergutmachungsverfahren, Bruno Nette, organisatorisch beteiligt war, kommt in dem Beitrag nicht angemessen vor. Dieses wichtige Detail hätte den Zuschauern aus unserer Sicht schon mitgeteilt werden müssen, wenn man den Opferstatus von Alfred Ries schon in Zweifel ziehen möchte.
  • Die vorgeblich ideologische Verbindung zu dem NS-linientreuen Gerhard Mertins bei der Firma Taxi-Lloyd erschließt sich für uns nicht – zumal die komplette deutsche Gesellschaft noch sehr stark von alten beziehungsweise überzeugte Nationalsozialisten durchsetzt war. In der Justiz, in der Politik, aber auch beispielsweise bei Werder waren nach dem Krieg durch durchaus Leute am Ruder, die zur Zeit in der Nationalsozialisten die Geschicke geführt hatten. Daraus im Fall Taxi-Lloyd ohne Belege etwas gegen Alfred Ries zusammenzufügen, halten wir für nicht sonderlich seriös.

Die Geschichte von Alfred Ries war sehr bewegt – aber sie ist größtenteils, insbesondere in der Nachkriegszeit, gut erschlossen. Insofern ist sie nicht komplett unklar, wie bereits in der Einleitung des Beitrages erwähnt wurde. Sicherlich ist nicht jedes Detail seines Lebens auserzählt. Auch ist es möglich, dass seine Vita vor dem Hintergrund neuer Informationen noch einmal anders geschrieben werden muss. Nach unseren aktuellen Erkenntnissen und Recherchen (auch im Militärarchiv) ergibt sich aktuell jedoch kein Anlass, grundsätzlich an den Resultaten zu zweifeln, die seinerzeit bereits in Kurzfassung in der Broschüre des Fanprojektes präsentiert wurden. Wir hatten bereits seinerzeit intern eine Liste mit Belegen für alle Inhalte der Broschüre angelegt und gepflegt. Aufgrund der Zielsetzung der damaligen Broschüre (Zielgruppe: junge Stadionbesucher) wurde allerdings in dem Heft auf einen wissenschaftlichen Duktus und das Arbeiten mit Fußnoten verzichtet. Bei den zwei gerade in Arbeit befindlichen Beiträgen über Alfred Ries im Rahmen des genannten Projektes werden alle Belege direkt ausgewiesen.  

Es wäre sicherlich nicht im Sinne einer nachhaltigen Erinnerungskultur am Standort Bremen, die Lebensleistung von Alfred Ries aufgrund einer zusätzlichen Quelle, die keinen direkten Bezug zur Person Ries aufweist, umschreiben oder umdeuten zu wollen. Es bleibt zu hoffen, dass in diesem Sinne kein großer Vertrauensschaden durch die Spekulationen in dem Beitrag entstanden ist.”

Anmerkung: Hinweise aus dieser Stellungnahme sind Ende Juli 2020 auch an den SV Werder Bremen, das Staatsarchiv Bremen und die Redaktion von “buten un binnen” geschickt worden.

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