Werder-Geschichte

Durch Ausflüge, Recherchen oder Gedenkaktionen haben sich Mitglieder der Ahoi-Crew in der Vergangenheit immer wieder mit der Geschichte des SV Werder Bremen auseinandergesetzt – speziell mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Ausgrenzung von Mitgliedern zwischen 1933 und 1945. Auf diesen Seiten gibt es weitere Hintergründe zur Vereinsgeschichte.

Seit dem 10. März 2022 ist das Buch “Werder im Nationalsozialismus. Lebensgeschichten jüdischer Vereinsmitglieder” im Handel. Zu den Autorinnen und Autoren zählt neben Dr. Sabine Pamperrien, Dr. Marcus Meyer, Dirk Harms, Carina Knapp-Kluge, Lukas Bracht und Thomas Hafke auch unser Fanclub-Mitglied Fabian Ettrich. Außerdem sind uns die Aufarbeitung der Vereinsgeschichte und das Ziehen von Lehren für Gegenwart und Zukunft wichtig. Daher geben wir hier den Inhalten des Buches Raum.

Zur Einordnung: Hinweis auf zwei umstrittene Ries-Beiträge

In mehreren Beiträgen des 2022 erschienenen Buches wird auf zwei relativ aktuelle Veröffentlichungen zum früheren jüdischen Präsidenten des SV Werder Bremen, Alfred Ries, Bezug genommen: Zum einen auf einen Aufsatz von Arthur Heinrich in der Zeitschrift SportZeiten aus dem Jahr 2017, zum anderen auf einen TV-Beitrag im Regionalmagazin “buten un binnen” vom 21. Juli 2020. In beiden Veröffentlichungen wird Alfred Ries eine mögliche Kollaboration mit den Nationalsozialisten nachgesagt. Dabei werden Passagen von Sachbearbeiten aus dem Wiedergutmachungsverfahren sowie Aussagen von zwei Zeugen wiedergegeben, ohne den Leser zu informieren, wer hier als Kronzeugen zur Geltung kommt und vor allem, ohne diese Aussagen wiederum kritisch zu überprüfen.

SportZeiten 2/2017 – Bildquelle: Verlag “Die Werkstatt”, Bielefeld

Die betreffende Ausgabe der Zeitschrift SportZeiten kann man online bestellen. Der Beitrag von “buten un binnen” ist wiederum aus der ARD-Mediathek nach Ablauf eines Jahres verschwunden. Um die Nachvollziehbarkeit der Aussagen im Buch “Werder im Nationalsozialismus” zu erhöhen und die tendenziösen Positionierungen in den beiden genannten Beiträgen zu überprüfen, bieten wir im Folgenden eine Transkription des Beitrages von “buten un binnen” an. Diese hat Mit-Autor Dirk Harms erstellt.

21. Juli 2020: Beitrag bei Radio Bremen (Quelle)

Die mysteriöse Vergangenheit von Werders Ex-Präsident Ries

Aus der Sendung:
buten un binnen / Regionalmagazin vom 21. Juli
gesendet am: 21. Juli 2020- als Video verfügbar bis: 21. Juli 2021

Alfred Ries, Werder-Präsident und Botschafter in den 60ern, verließ 1935  Bremen wegen der Nazis – er war Jude.  Neue Dokumente wecken Zweifel an Ries’ Version.

Autor: Rainer Kahrs

Kahrs:

Der Beginn unserer Spurensuche am Grab von Alfred Ries. Die Biografie des Handelsexperten und späteren Diplomaten ist unklar. Er lebte als Jude in der Nazizeit, begraben wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt – soviel ist sicher. Sein Grab wirkt vergessen, wir fegen es frei. Der kleine Stein symbolisiert aber, dass noch jemand seine Ruhestätte besucht. Es gibt eine schmale Akte über Ries – voller Widersprüche. Der Jude Ries bekam Ausweispapiere von der Gestapo. Bremens Spionagechef  half ihm; dennoch nannte sich Ries Verfolgter des Nazi-Regimes. Nach dem Krieg wurde Ries Botschafter der neuen Bundesrepublik. Er stand an der Seite der Großen seiner Zeit, aber öffentlich gedacht wird seiner nur an einem kleinen Platz vor dem Weserstadion. Er war Werder-Präsident, und nicht nur das.

Dr. Hubertus Hess-Grunewald (Präsident des SV Werder Bremen):

„Er war Vizepräsident des DFB und des Deutschen Olympia-Sportbundes, aber er ist auch im Sport als Sportfunktionär gerade in den 50er Jahren noch mal sehr präsent gewesen, und dass er dann 1963 noch einmal zur Gründung der Bundesliga noch zum dritten Mal Präsident wurde und die erste Deutsche Meisterschaft in seine Präsidentschaft fällt, das sind alles Dinge, die einen natürlich bewegen und in seinem Wirken ja auch ein Stück weit stolz machen – das kann man wohl sagen.“

Reporter (auf dem  Bremer Hauptbahnhof am Gleis):

„Ich sehe – alles vielleicht für Sie noch nicht sichtbar – die Lokomotive …“

Kahrs dazwischen:

Mai 1965: Die Spieler von Werder Bremen kommen aus Nürnberg zurück. Dort hatten sie gerade die Meisterschale bekommen.

Reporter:

„… Werder Bremen Deutscher Meister …“

Kahrs:

Am Bahnsteig Alfred Ries. Erst wehrt er ab, aber dann kommt er am Reporter doch nicht vorbei und der Reporter verwickelt Ries und Werders Mannschaftskapitän Pico Schütz ins Gespräch.

Reporter:

„…die Viktoria, die Silberschale für den Deutschen Meister, für Werder Bremen im Jahre 1965. Herr Ries, herzlichen Glückwunsch!

Originalton Alfred Ries:

„Dankeschön!“

Reporter:

„Willkommen in der Heimat! Dies vor allem gilt auch Ihnen, Pico Schütz, und den Kameraden.“

Originalton Pico Schütz:

„Danke!“

Reporter:

„Herr Ries, ein paar Worte an die Bevölkerung in Bremen und im norddeutschen Raum; denn wir übertragen original für das Regionalprogramm des Deutschen Fernsehens im Norden in Bremen.“

Originalton Ries:

„Ja, wir haben bei der Einfahrt in Bremen schon festgestellt, dass alle Straßen  links und rechts und die Häuser und Fenster besetzt sind, und wir sind sehr froh und glücklich darüber…“

Kahrs (ohne Pause oder Übergang):

Dir Akte Ries: ein paar Zeitungsartikel. ein paar Dokumente. Leute von Werder Bremen hatten die Akte gelesen, bevor der Verein sich dafür einsetzte, einen Platz nach dem ehemaligen Präsidenten zu benennen.

Dr. Hess-Grunewald:

„Dort sind natürlich einige ungeklärte Sachverhalte übrig geblieben, weil man nicht genau wusste, welche Rolle hatte eigentlich Alfred Ries bei seinen Aufenthalten in Jugoslawien gespielt, während seiner … äh … Migration.“

Kahrs:

Die Akte Ries liegt im Staatsarchiv. Oft geht es darin um das damalige Jugoslawien. Ries gibt an, dort verfolgt worden zu sein, auch von der Gestapo. Er will Wiedergutmachung. Mitten in der Akte finden wir sogenannte Gewerbe-Legitimationspapiere. Die Gestapo hatte sie für Ries bei der Polizei beantragt. Ries kann sich mit den Papieren in Jugoslawien oder in Italien frei bewegen. Zuletzt, 1944,  besorgt die Gestapo Ries einen solchen Ausweis, der behauptet, ihn aber nicht erhalten zu haben.

Lars Worgull (Mitarbeiter des Staatsarchivs Bremen) beugt sich im Archivbunker über die Akte Ries. Werder Bremen wünschte sich einen Alfred-Ries-Erinnerungsplatz, die Politik fragte im Staatsarchiv, ob etwas dagegen spräche. Worgull schaute nach. Er fand einige Widersprüche; einer davon: Alfred Ries wollte Wiedergutmachung, gab aber an, sich vor dem Einmarsch der Nazis in Jugoslawien keinerlei Einkünfte gehabt zu haben, und das, obwohl er mit seinen Gestapo-Papieren Handel treiben konnte.

Kahrs fragt Worgull:

„Für wie glaubwürdig halten Sie die Angaben von Ries gegenüber der Wiedergutmachungsbehörde?“

Worgull antwortet Kahrs:

(Tiefes Ein- und dann Ausatmen)

Kahrs wirft ein:

„In toto?“

Worgull antwortet weiter:

„In toto. Das … ist im Grunde genommen so, dass ich keine Tendenz  …  wirklich … äh … diesen Angaben  … äh … entnehmen kann. Ich … ich persönlich …. ich kann ihm  …, äh …. genauso gut glauben, wie ich ihn anzweifeln könnte.“

Kahrs:

In der Akte fällt oft das Wort: „geheim“. „Geheime Staatspolizei“ zum Beispiel. Der angeblich verfolgte Alfred Ries bekommt sogar noch mitten im Krieg Ausweispapiere von der Gestapo ausgestellt. Damit könnte er sich in Jugoslawien frei bewegen. Dann geht es um Spionage und Abwehr. Ein Name taucht immer wieder auf: „Frischmuth“.

Kahrs fragt Worgull:

„Wer war Frischmuth?“

Worgull antwortet Kahrs:

(Tiefes Einatmen)

„Ja. also … Frischmuth taucht in der Akte zu Ries erstmals auf, als aus den Akten der Polizei bekannt wird, dass 1935 für Ries eine Gewerbelegitimationskarte beantragt worden sei, und da werden als – ja, wenn man so möchte  – Gewährsleute oder Antragsteller …  äh … , unter anderem Walter Frischmuth genannt. Wer er ist, lässt sich ansonsten kaum sagen.”

Kahrs zeigt Worgull etwas auf sein Laptop:

Hier, dieses rechte hier … Da zum Beispiel stehen die Namen drin … Wir haben Lars Worgull Dokumente über Frischmuth mitgebracht. Wir fanden sie im „National Archive“ in London. Schon wieder das Wort: ‚geheim’! Und über Frischmuth steht: „Steffens“.

Kahrs:

Walter Frischmuth, ein Mann mit vielen Namen. Er hieß Wilhelm Frischmuth, Albert Herzog, Alfons Steffens, Walter Freyman, Henry Briggemann. Seine wichtigsten Geheimpapiere trug er immer in einer Metallbox bei sich. Das kann man in den englischen Dokumenten lesen.

Von der Bremer Mathildenstraße aus habe Frischmuth Agenten geführt, so steht es in den Dokumenten. Manchmal schickte er Briefe in Geheimsprache. Auch in Jugoslawien habe er Spione gehabt und Kontakte zum Reichsabwehrchef.  Walter Frischmuth hatte einen direkten Draht nach Berlin zu Admiral Canaris. Die Bremer Abteilung hieß: „Roland“. Kurz vor Kriegsende wurde sie aufgelöst, die Dokumente wurden gesammelt und erst nach Tarmstedt gebracht und dann nach Kassel, um sie dem Zugriff der Alliierten zu entziehen.

War Alfred Ries, der nach dem Krieg seine Angaben für den Antrag auf Opferstatus von der jüdischen Gemeinde abstempeln ließ, Spion für Agentenführer Frischmuth? Und bekam er im Gegenzug von Frischmuth Ausweise?

Er und seine Eltern waren Opfer, so sagt die Bremer Historikerin Barbara Johr. Sie führt uns zu den Stolpersteinen,  die mitten in Bremen an Alfred Ries’ Eltern erinnern. Die beiden wurden nach Theresienstadt verschleppt und kamen nie wieder zurück. Barbara Johr sprach einmal mit der Witwe von Alfred Ries. Die gab ihr Fotos. So soll ihr Mann in Erinnerung bleiben. Ries, der Botschafter, damals unterwegs mit dem damaligen Bundespräsidenten Heuss, immer groß auf der politischen Bühne. Das Chefspion Frischmuth für Ries im Staatsinteresse Ausweise beantragte, erklärt sie so:

Dr. Barbara Johr (Historikerin/Initiative “Stolpersteine Bremen”):

„Das war gefälligkeitshalber, und man muss bei Alfred Ries und seiner Persönlichkeit ja ganz deutlich sehen,  dass er nicht ein Irgendwer war, sondern dass er wohlbekannt war in dieser Stadt, angesehen war, renommiert war.“

Es ist das Läuten des Glockenspiels in der Böttcherstraße zu hören.

Kahrs:

Ries arbeitete Anfang der 30er Jahre in der Böttcherstraße, damals schon Stolz der feinen Bremer Gesellschaft. Er sollte das denkmalgeschützte Ensemble, das bis heute die Menschen anzieht, vermarkten. Fast so etwas wie ein gehobener Pressesprecher des Erbauers der Kunstarchitektur, dem anfänglich Hitler zugewandten Bremer Unternehmer Ludwig Roselius, das sagt der Archivar der Böttcherstraße.

Uwe Bölts (Leiter des Archivs der Böttcherstraße):

„Ries war Angestellter von Roselius als Direktor, und er hat dann auch für die HAG gearbeitet und ist ja dann auch durch … mit Hilfe von Roselius eben …äh …emigriert.“

Kahrs:

„weil er Jude war …..“

Bölts:

„Weil er Jude war….  nach Jugoslawien, ist dort sozusagen als Kaffee-HAG-Vertreter eingesetzt gewesen.“

Kahrs:

Der HAG-Konzern – hier die Fassade von damals im Bremer Hafengebiet – kann der Bremer Entschädigungsbehörde bei ihren Nachforschungen über Ries aber nicht weiter helfen. Angaben zu seinem Einsatz noch zu seinem Einkommen liegen nicht vor.

Nach HAG sei er Widerstandskämpfer gewesen, gibt Ries an, einmal kam er ins Gestapo-Gefängnis in Belgrad. Beleg dafür gibt es nicht. Aber eine Erklärung des Agentenführers Frischmuth, abgegeben viele Jahre später.

Worgull:

„Also, es ist  …  durchaus …. erstaunlich oder überraschend, dass Walter Frischmuth aussagt, er habe Walter Ries [sic!] 1941 aus dem Gestapo-Gefängnis in Jugoslawien befreien können.“

Kahrs:

Warum holt der Mann mit den vielen Namen ausgerechnet den Juden Alfred Ries aus dem Gestapo-Gefängnis?!

Was passierte in der Mathildenstraße 72 damals eigentlich? Frischmuth führte von dort aus deutsche Top-Spione in den USA. Er ließ aus U-Booten Spione vor London aussteigen, und er war viel unterwegs, so die englischen Akten. Frischmuth ließ seine Leute aber auch in Jugoslawien spionieren. Einmal, 1940, das war vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Jugoslawien, besuchte er seine Agenten. Dabei wurde er verhaftet. Er kam aber schnell wieder frei – ein Gefangenenaustausch zwischen Jugoslawien und Deutschland.

Kahrs (jetzt Alfred Ries groß im Bild):

Wer war Alfred Ries?!

Bei einer Recherche im Staatsarchiv stoßen wir erneut auf ihn. Ries sitzt im Aufsichtsrat der Firma Taxi-Lloyd  – hier der Bremerhavener Firmensitz 1950. Neben ihm im Aufsichtsrat der hitlergetreue Elitesoldat Gerhard Mertins, später Waffenhändler und BND-Agent. Wir fragen Barbara Johr, die Historikerin, ob sie unseren Fund einordnen kann, und wir zeigen ihr das Dokument aus dem Staatsarchiv.  Barbara Johr wehrt ab.

Dr. Johr:

„Also, das Problem bei solchen Dokumenten ist, … äh … auf die Schnelle gelesen … bestärkt  das natürlich den Verdacht oder die Zweifel, … äh ..die aufgekommen sind, zu seiner Rolle in der NS-Zeit.

Wer sind wir denn als die Nachkommen dieser Verfolgten-Generation (gemeint wohl: Verfolger-Generation!), dass wir das in Zweifel ziehen?! Also. das finde ich … äh  …  da möchte ich mich, ehrlich gesagt, nicht an dieser Umkehr beteiligen, jemanden, der den Opferstatus hat, an dem gekratzt wird, zum Täter stilisieren”

Kahrs:

Von Lars Wargulls Aktenstudium hing es ab, ob das Staatsarchiv eine Platz-Benennung nach Alfred Ries befürwortet. Ries’ eigene Angaben waren oft unklar, sagt Worgull.

Worgull:

„Dann ist es aber auch so, dass er  … ja … unvollständige …  widersprüchliche Aussagen in seinem Entschädigungsverfahren macht.

Also diese Akte  … äh … ist (Worgull lächelt) auf jeden Fall spannend  (Worgull zögert) und … ja …  hinterlässt … äh … die Möglichkeit, … ihm zu glauben oder nicht.“

Kahrs:

Trotz der Zweifel gibt das Staatsarchiv grünes Licht: Ries habe viele Verdienste nach dem Krieg. Und Werder Bremen verweist auf die großen sportlichen Erfolge unter der Präsidentschaft von Ries – hier links noch einmal im Bild.

Aber jetzt gibt es neue Dokumente, die aus England zum Beispiel. Werder hätte sie gerne in der Hand.

Dr. Hess-Grunewald:

„Wenn man uns neue Quellen vorlegt, schauen wir uns die an – gar keine Frage! Aber dennoch glaube ich auch,  dann wird man das Wirken von Alfred Ries – glaube ich – wird man nicht deswegen in einem anderen Licht erstrahlen lassen müssen. Man wird aber vielleicht bestimmte Sachverhalte ergänzen müssen. Vielleicht kann man Dinge aufklären. Ich glaube, das könnte man im Sinne  einer historischen Wahrheit immer tun – und sollte man auch tun.“

Kahrs:

Vielleicht ist genau das eine gute Idee. Das Leben des Diplomaten und Fußballpräsidenten Alfred Ries noch einmal von unabhängigen Historikerinnen und Historikern anhand neuer Akten überprüfen.

Anhand von Akten, die es sicher über den Bremer mit dem großen Einfluss weit über Bremen hinaus woanders gibt.