Ex-Werder-Präsident auf der Bühne: Rückblick auf die Uraufführung: „Karrieren in Bremen nach 1945“

Die Bremer Shakespeare Company hat gestern Abend mit der Premiere von „Karrieren in Bremen nach 1945“ ein beeindruckendes und vielschichtiges Stück auf die Bühne gebracht. Trotz der komplexen Thematik und der teils unübersichtlichen Quellenlage zeigt das Stück, wie die Geschichte individueller Karrieren nach dem Zweiten Weltkrieg in Bremen von den tiefen Brüchen und Verwerfungen der Zeit des Nationalsozialismus geprägt wurde.

Das Ensemble hat sich mit großer Bedachtsamkeit der Darstellung dieser Geschichte angenommen und verschiedene Elemente der Inszenierung geschickt genutzt, um die politischen Einordnungen der Akteure widerzuspiegeln. Besonders hervorzuheben ist die Stuhlanordnung, die eine visuelle Abbildung der politischen Hintergründe der Charaktere darstellt: Links standen Holzstühle für die Kommunistin Käthe Popall, symbolisch für ihre vom Widerstand geprägte Haltung; in der Mitte wurden Bürostühle für den ehemaligen Werder-Präsidenten Alfred Ries platziert, die den bürokratischen Prozess und die Herausforderungen im Widergutmachungsverfahren widerspiegeln; und rechts fanden sich gepolsterte Stühle für Kurt A. Becher, den NS-Profiteur, der nach 1945 als Unternehmer Karriere machte.

Der jüdische Kaufmann Alfred Ries (1897–1967), der 1933 Bremen aufgrund persönlicher Angriffe durch das NS-Regime verließ, verbrachte die Jahre von 1934 bis 1946 in Jugoslawien. Diese Zeit war von beruflichen Umbrüchen, Flucht und Inhaftierungen geprägt – besonders nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1941.

Sein ehrenamtliches Engagement, insbesondere ab 1947, etwa seine Präsidentschaft bei Werders erster Deutscher Meisterschaft 1965 oder sein Einsatz für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München, wären für das Publikum zur weiteren Einordnung seiner Person sicherlich ebenfalls von Interesse gewesen.

Ein herausfordernder Aspekt des Stücks war die Darstellung von Ries’ Jahren im Ausland, speziell zwischen 1933 und 1946. Viele Informationen zu dieser Zeit sind nicht direkt in den historischen Dokumenten zu finden, sondern mussten durch detaillierte Recherchen und Textabgleiche aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt werden. So auch die Einordnung von zwei Belastungszeugen im Widergutmachungsverfahren, darunter ehemalige Juden-Referenten der Gestapo, von denen einer sogar die Deportation von Ries’ Eltern nach Theresienstadt organisierte. Ebenso die Verifizierung der Glaubwürdigkeit von Walter Frischmuth, einem Ries-Unterstützer, der in der Abwehrstelle in Bremen tätig war und Ries Gewerbelegitimationskarten für mehr Reisefreiheit beschaffte.

Um diese Aspekte der Geschichte vollständig einordnen zu können, ist die Lektüre der Begleitbroschüre oder des Buches „Werder im Nationalsozialismus. Lebensgeschichten jüdischer Vereinsmitglieder“ unerlässlich.

Großes Lob geht an das Ensemble und die Regie für die gelungene Umsetzung dieser vielschichtigen Geschichten und die kluge Nutzung von Raum, Symbolik und Detailtreue. Das Stück hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es ist, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und die Geschichten jener Menschen zu erzählen, deren Lebenswege und Karrieren durch Nationalsozialismus und Krieg maßgeblich beeinflusst wurden – und deren spätere Rückkehr in die Bremer Stadtgesellschaft gelungen ist.

🎟 Wer die Premiere verpasst hat, hat noch bis Mitte Dezember die Gelegenheit, „Karrieren in Bremen nach 1945“ auf der Bühne der Bremer Shakespeare Company zu erleben.

👉 Alle Termine und Infos:
🔗 shakespeare-company.com/repertoire/karrieren-in-bremen-nach-1945

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