Erinnerungskultur: Wie sollte man dem dreimaligen Werder-Präsidenten gedenken?

Im vergangenen Jahr wäre Werders ehemaliger Präsident Alfred Ries 120 Jahre alt geworden. Zudem jährte sich sein Todestag zum 50. Mal. Zu diesem Anlass haben engagierte Fans eine Broschüre über das Leben von Ries erarbeitet, die beim Fanprojekt im Download-Bereich abgerufen werden kann. Über die Lehren und Möglichkeiten der Erinnerung an Ries und die schlimme Zeit des Nationalsozialismus hat am Donnerstag eine Podiumsdiskussion in der Bremischen Bürgerschaft stattgefunden, die von Bürgerschaft, Böll-Stiftung, Fanprojekt und Antidiskriminierungs-AG organisiert wurde. Etwa 100 Interessierte waren dabei.

In einer Podiumsrunde diskutierten Marco Bode (Aufsichtsratsvorsitzender von Werder Bremen), Dietrich Schulze-Marmeling (Journalist und Autor), Dr. Marcus Meyer (Historiker am „Denkort Bunker Valentin“) und unser Fanclub-Mitglied Fabian Ettrich.

Bildquelle: Thomas Hafke

Ziel der Diskussion war es, über neue Möglichkeiten des Gedenkens zu sprechen. Neben einer stärkeren Würdigung von Ries (und den anderen verfolgten Vereinsmitgliedern wie etwa Albert und Arthur Rosenthal) im WUSEUM, einer stärkeren Einbeziehung im Rahmen von Werders CSR-Aktivitäten, der Verteilung der Ries-Broschüre mit begleitenden Diskussionsrunden mit Vereins- und Fanvertretern an den Schulen (etwa im Rahmen des Projektes „100 Schulen – 100 Vereine“) wurden auch Vorschläge einer systematischen Aufarbeitung der Ausgrenzung im Bremer Fußball und speziell bei Werder zu Beginn der 1930er Jahre laut, bei der auch die vorauseilende Umsetzung des Führerprinzips im Verein zu thematisieren wäre. Aus dem Publikum wurde angeregt, das Stadion „Platz 11“ nach Alfred Ries zu benennen.

Wer war Alfred Ries?

Alfred Ries wurde 1897 geboren und schon mit 26 Jahren Werder-Präsident. Unter ihm zog der Verein Anfang der 1930er Jahre ins Weserstadion um. Ries war beruflich für Kaffee-HAG und als Geschäftsführer der Böttcherstraße tätig, er engagierte sich unter anderem in der jüdischen Gemeinde und bei Rotary. Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten verließ Alfred Ries seine Geburtsstadt Bremen. Nach turbulenten und bis heute nicht vollständig ergründeten Jahren im ehemaligen Jugoslawien, wo Ries auch in Haft geriet, kehrte er 1946 nach Bremen zurück. Seine Eltern wurden aufgrund ihres jüdischen Glaubens 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. An sie erinnern heute zwei Stolpersteine an der Ecke Parkstraße/Schwachhauser Heerstraße.

Ries wurde nach seiner Rückkehr 1947 erneut Präsident des SVW, leitete das Außenhandelskontor der Hansestadt und agierte als Vizepräsident des Deutschen Fußballbundes (DFB). Als DFB-Delegierter war er an der Gründung des Deutschen Sportbundes (DSB), dem Vorläufer des heutigen DOSB, beteiligt. Ries wurde wenig später Vizepräsident des DSB und war in dieser Funktion Unterzeichner des Berliner Abkommens, mit dem der Sportaustausch mit der DDR verbessert wurde.

Seine Ämter im Sport legte er 1953 mit dem Eintritt in den Auswärtigen Dienst nieder. Nach Stationen an den deutschen Botschaften in Belgrad (Jugoslawien) und Kalkutta (Indien) wurde Ries 1959 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Monrovia (Liberia), ehe er 1963 in den Ruhestand eintrat.

Mit dem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Dienst trat Ries erneut das Amt als Werder-Präsident an. Unter ihm startete Werder in die neu gegründete Bundesliga, wurde 1965 Deutscher Meister und debütierte im Europapokal gegen Apoel Nikosia. In jenem Jahr kandidierte er auch erfolglos für den Deutschen Bundestag.

Alfred Ries engagierte sich für die olympische Idee und war nach dem Krieg Mitbegründer und Vorsitzender der Deutschen Olympischen Gesellschaft in Bremen. Er setze sich für die deutsche Bewerbung um Olympische Sommerspiele 1972 in München ein – unter anderem als Leiter der Ehrendelegation zu den Afrikanischen Spielen im Kongo. Bei der Verkündung des Zuschlags für München 1966 in Rom war Alfred Ries als Teil der deutschen Delegation vor Ort.

Alfred Ries verstarb am 25. August 1967 und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt. An ihn erinnert dort seit dem Sommer 2017 auch eine Gedenktafel, die seine Verdienste für Bremen, den Sport und die Völkerverständigung betont.

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